LMU-Alumnus Roland Berger: Unternehmer, Strategie-Berater, Stifter
10.03.2026
Interview über Verantwortung, Werte und Weitblick – und warum Bildung, Kreativität, Mut und Fleiß Karrieren bis heute möglich machen.
10.03.2026
Interview über Verantwortung, Werte und Weitblick – und warum Bildung, Kreativität, Mut und Fleiß Karrieren bis heute möglich machen.
Schon während des Studiums waren Sie erfolgreicher Unternehmer. War das frühe unternehmerische Gespür etwas, das Ihnen gleichsam in den Schoß gefallen ist?
Professor Roland Berger: Sicher hatte ich immer schon so etwas wie ein „Unternehmer-Gen“, weil die unternehmerische Tätigkeit für mich die größtmögliche Freiheit mit Gestaltungsmöglichkeiten und materieller Unabhängigkeit bedeutet, vor allem aber auch die Chance, etwas für unsere Gesellschaft zu tun und Menschen nützlich zu sein. Diese Freiheit war für mich nie Selbstzweck, sondern immer mit Verantwortung und Gestaltung verbunden.
Wie haben Sie sich theoretisch darauf vorbereitet?
Schon früh habe ich neben allen Karl-May-Bänden auch die Biografien von Unternehmern gelesen, die mich einerseits sehr beeindruckt und motiviert, andererseits aber auch auf die großen Chancen und Risiken eines Unternehmerlebens hingewiesen haben.
Mich hat dabei immer interessiert, wie Menschen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und mit Unsicherheit umgehen, denn man muss stets damit rechnen, dass immer auch das Undenkbare passieren kann. Diese Haltung hat mich früh geprägt.
Zur Person
Roland Berger (geb. 1937 in Berlin) ist Gründer von Roland Berger Strategy Consultants, einer der weltweit führenden Strategieberatungen. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft an der LMU baute er sein Unternehmen zu einer globalen Partnerschaft mit rund 4.000 Mitarbeitern auf. Mit der Roland Berger Stiftung fördert er seit 2008 begabte Kinder aus sozial benachteiligten Familien von der Grundschule bis zum Abitur.
Inwieweit hat Sie auch Ihr Elternhaus geprägt
Meine Eltern haben mich sehr geprägt und auch zu meinem Unternehmerleben beigetragen. Mein Vater hat – bei aller Tragik seines Lebens – ein großes Unternehmen erfolgreich geleitet. Meine Mutter führte die Geschäfte eines großen Münchner Möbelhauses. Sie war es aber auch, die mich schon als Student finanziell bei der Gründung meiner Wäscherei unterstützt und mich eigentlich dazu erzogen hat, eine kreative und erfolgreiche Führungs- und Unternehmerpersönlichkeit zu werden. Sie hat immer an mich geglaubt und war insofern menschlich, aber auch ganz pragmatisch eine wichtige Stütze für mich.
Wie ist es Ihnen gelungen, die Doppelbelastung aus Studium und unternehmerischer Tätigkeit erfolgreich zu bewältigen?
Das Studium fiel mir leicht, weil ich einen überdurchschnittlichen IQ habe – was durch Tests bestätigt wurde. Zudem habe ich während meiner gesamten Schul- und Studienzeit systematisch Gedächtnistrainings betrieben. Mein Studium bestand übrigens nicht nur aus den Wirtschaftswissenschaften. Ich habe unter anderem auch Geschichte bei Franz Schnabel gehört, ebenso Theaterwissenschaft bei Arthur Kutscher oder Philosophie bei Romano Guardini. So konnte ich auch eine Art Studium generale absolvieren. Diese Breite war für mich entscheidend – denn die Breite des Wissens ist ein Vorsprung gegenüber primär fachlich ausgebildeten Spezialisten.
Das Studium hat meinen Weg in die Selbstständigkeit erst ermöglicht und eine Wissens- und Wertebasis geschaffen, die für mich als Humanist bis heute die ethische Grundlage meines Lebens ist.Roland Berger
Was für Gedächtnistrainings haben Sie durchgeführt?
Ich habe mir angewöhnt, Gedankenketten bewusst rückwärts zu verfolgen – eine Übung, die das Erinnern trainiert, die Disziplin im Denken schafft und hilft, Zusammenhänge zu verstehen.
Sie waren früh unternehmerisch erfolgreich. Warum dennoch ein Betriebswirtschaftsstudium?
Weil ich überzeugt war, dass unternehmerisches Handeln auf einem soliden Fundament stehen muss. Wirtschaft zu verstehen heißt, die Mechanismen von Arbeit, Kapital und Wissen zu verstehen – und dass Wissen Technologie ist, die der eigentliche, der Haupttreiber unserer wirtschaftlichen Entwicklung ist.
Rückblickend waren sowohl das Studium als auch die einem Studium generale ähnlichen Lern- und Wissensmöglichkeiten prägend für mich. Deshalb kam es für mich nie infrage, das Studium zugunsten einer sofortigen unternehmerischen Tätigkeit aufzugeben. Vielmehr hat das Studium meinen Weg in die Selbstständigkeit erst ermöglicht und eine Wissens- und Wertebasis geschaffen, die für mich als Humanist bis heute die ethische Grundlage meines Lebens ist.
Irgendwann verlagerte sich Ihr Schwerpunkt hin zur Beratung. Was war der Wendepunkt?
Ich habe mich immer gefragt: Welche Fähigkeiten habe ich – und was mache ich wirklich gern? In der Unternehmensberatung konnte ich schließlich beides verbinden: intellektuelle Herausforderung und unternehmerisches Handeln.
Eine unerwartete Gelegenheit ergab sich durch eine Kundin meiner Wäscherei, die mir empfahl, Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen, der in Mailand bei Pietro Gennaro Associati (PGA) arbeitete.
Ich zögerte nicht lange, fuhr nach Mailand, stellte mich vor – und wurde eingestellt. So erhielt ich die Möglichkeit, bei zahlreichen Projekten in Italien und in den USA das Beratungsgeschäft von Grund auf kennenzulernen – von analytischen und kreativen Problemlösungstechniken für Klienten über die Akquise von und den professionellen Umgang mit Auftraggebern bis hin zur erfolgreichen Teamarbeit mit erfahrenen Consultants. Dabei wurde mir zunehmend bewusst: Beratung ist weit mehr als Analyse und Strategie. Sie stellt immer auch Fragen wie: Ist der sensible Umgang mit Menschen entscheidend? Wie bedeutend sind Kommunikationsfähigkeit und Persönlichkeit?
Denn Beratung bedeutet nicht nur, Probleme zu lösen, sondern vor allem, tragfähige menschliche Beziehungen aufzubauen.
Das Handelsblatt nannte Sie einmal den „Berater der Nation“. Müsste man bei Ihrer internationalen Präsenz nicht vom „Berater der Nationen“ sprechen?
Ich war zu meiner aktiven Zeit tatsächlich Berater vieler hochrangiger Top-Manager globaler Unternehmen wie Ferdinand Piëch von VW oder Alfred Herrhausen und Joe Ackermann von der Deutschen Bank. Auch habe ich führende Politiker international pro bono beraten. Darunter waren mit Helmut Kohl, Gerhard Schröder und anfangs auch Angela Merkel drei deutsche Regierungschefs. Auf europäischer Ebene habe ich EU-Kommissionspräsidenten wie Romano Prodi, José Manuel Barroso oder Jean-Claude Juncker beraten. Auch für das japanische Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (METI) war ich tätig.
Für uns war es wichtig, dass wir nicht für Unternehmen, sondern mit ihnen, ihren Führungskräften und Mitarbeitern gearbeitet haben.Roland Berger
Was haben Sie mit Ihrem Beratungsunternehmen bewusst anders gemacht als andere etablierte Consulting-Unternehmen?
Die großen Namen bei der Gründung von Roland Berger waren vor allem US-amerikanische Beratungsunternehmen. Ich fing ja quasi als Ein-Mann-Büro an.
Unsere Wettbewerber waren damals primär finanziell orientiert, während wir vor allem auf Inhalte fokussiert waren. Für uns war es wichtig, dass wir nicht für Unternehmen, sondern mit ihnen, ihren Führungskräften und Mitarbeitern gearbeitet haben. Wir haben den Klienten nicht nur Konzepte geliefert, sondern sie auch bei deren Umsetzung unterstützt und sie mit kreativen und innovativen Ideen und Methoden fundiert begleitet.
Und wir waren immer überzeugt: Thematische Breite schlägt frühe Spezialisierung. Ich wollte nie, dass junge Berater sich sofort auf eine Branche oder ein Thema festlegen, sondern dass sie erst einmal alles kennenlernen, was die Unternehmenswelt ausmacht.
Wenn Sie zurückblicken: Welche Entscheidungen waren für Ihren Werdegang besonders folgenreich – im Guten wie im Schlechten?
Besonders prägend waren die Gründung von Roland Berger Strategy Consultants und der Ausbau vom Ein-Mann-Unternehmen zu einer weltweiten Partnerschaft mit heute über 4.000 Mitarbeitern.
Ebenso bedeutsam waren der Einstieg der Deutschen Bank als Gesellschafterin sowie zehn Jahre später der Rückkauf ihrer Anteile durch meine Partner und mich.
Von großer Tragweite war zudem der Mitaufbau und die Beratung der Treuhandanstalt mit dem Ziel, die DDR-Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft mit wettbewerbsfähigen Unternehmen zu überführen.
Einmal im Monat werden im Newsroom bekannte und renommierte Alumni der LMU vorgestellt. Wenn Sie selbst eine bekannte Alumna oder einen bekannten Alumnus kennen, melden Sie sich gerne bei uns.
Wie hat sich die Rolle von Unternehmensberatern verändert?
An dem generellen Anspruch, den Erwartungen der Klienten gerecht zu werden oder besser sie zu übertreffen, hat sich nichts geändert.
Heute ist die Zahl der Anbieter jedoch stark gewachsen, ebenso ihre Diversifizierung. Die Bandbreite reicht vom spezialisierten Einzelberater über mittelständische Partnerschaften bis hin zu den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Technologieberatern, wie Accenture. Auch die Inhalte der Beratung haben sich verändert. Neben der individuellen Beratung von Führungskräften sind Problemlösungstechniken zunehmend standardisiert, sodass nicht selten der Preis über die Auftragsvergabe entscheidet.
Auch technologisch hat sich vieles gewandelt: Digitalisierung und KI verändern oder ersetzen insbesondere Einstiegstätigkeiten in der Beratung sowie das Schreiben und Codieren von Programmen. Durch Technologie reichen heute zehn bis fünfzehn Prozent der Projektarbeit für die reine Analyse, über 80 Prozent der Zeit sind für Problemlösungs- und Konzeptentwicklung verfügbar. Aber wichtig bleibt: Man muss in der Lage sein, die Daten der Analyse entsprechend zu verstehen, zu gewichten und zu kontextualisieren. Die Technik liefert die Zahlen, der Mensch die Urteilskraft, die analytische Stärke, die Kreativität, Persönlichkeit, Kommunikationsfähigkeit und vor allem Werte wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Anstand, Loyalität und Verschwiegenheit – all das kann Technologie nicht ersetzen.
Auch technologisch hat sich vieles gewandelt: Digitalisierung und KI verändern oder ersetzen insbesondere Einstiegstätigkeiten in der Beratung sowie das Schreiben und Codieren von Programmen.Roland Berger
Sind Karrieren wie die Ihre heute noch möglich?
Ja, natürlich – mehr denn je. Die Welt ist komplexer, dynamischer, technologisch disruptiver. Gerade weil gesellschaftliche, politische und – nicht immer positive – geopolitische Veränderungen so schnell stattfinden, entstehen enorme Chancen für Unternehmer und Berater. Denn zum Umgang mit diesen Herausforderungen brauchen Unternehmen und staatliche Behörden immer mehr Spezialfähigkeiten, die sie arbeitsteilig nur extern finden. Allerdings sehen wir auch, dass unsere Wirtschaft derzeit schwächelt, weil wir technologisch hinterherhinken. Deshalb müssen Innovation und Bildung höchste Priorität haben.
Seit vielen Jahren engagieren Sie sich mit Ihrer Stiftung für Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was war der persönliche Auslöser für Ihr Engagement?
Ich möchte der Gesellschaft, die mir so viele Möglichkeiten gegeben hat, etwas Nachhaltiges zurückgeben. Bildung erschien mir das Wichtigste, weil sie der Schlüssel zu allem ist und für die Zukunft des Landes steht. Angesichts der ungerechten Verteilung von Bildungschancen zulasten von Kindern aus sozial- und einkommensschwachen Familien war für mich klar, dass der Abbau dieser Chancenungerechtigkeit das Hauptproblem in unserem Bildungssystem ist. Daher konzentriert sich die Roland Berger Stiftung mit ihrem Deutschen Schülerstipendium auf die Förderung begabter, engagierter Kinder aus sozial benachteiligten Familien von der Grundschule bis zum Abitur. Der Erfolg unserer Stiftung ist groß: Die Hälfte unserer bisher 1.400 Stipendiaten studiert bereits oder übt einen anspruchsvollen Beruf aus beziehungsweise ist auf dem Weg dorthin.
Welche Verantwortung tragen erfolgreiche Unternehmer?
Die primäre Verantwortung besteht darin, Unternehmen erfolgreich zu führen – innovativ, profitabel und wachstumsorientiert. Dadurch entstehen Innovationen, Arbeitsplätze, Wohlstand und Steuereinnahmen. Primär müssen die Gewinne von Unternehmen für Zukunftsinvestitionen verwendet werden, bevor Anteile an die Eigentümer ausgeschüttet werden. Diese können die Eigentümer anderweitig investieren, verbrauchen oder auch für das Gemeinwohl aufwenden, was für mich eine moralische Pflicht ist. Dies kann durch Stiftungen geschehen, wie die meine, oder durch die Unterstützung sozialer Einrichtungen sowie die Förderung von Kultur, Kunst und Musik und vielem anderen.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die heute eine ähnliche Laufbahn anstreben?
Ich würde ihnen zunächst raten, sich selbst ehrlich zu analysieren: Was kann ich besonders gut? Was tue ich wirklich gern? Nur wer beides kennt, ist bereit, die notwendige „Extra-Meile“ zum Erfolg zu gehen. Ebenso wichtig ist es, Megatrends und Innovationen frühzeitig zu erkennen, um zukunftsfähige Berufs- und Lebenswege auszuwählen.
Eine weitere Grundvoraussetzung ist die Fähigkeit, Menschen zu lieben. Wer mit Kollegen sowie mit Klienten und deren Mitarbeitern erfolgreich arbeiten will, muss Menschen wertschätzen und verstehen. Und schließlich gilt: Fleiß, Fleiß und nochmals Fleiß. Gerade zu Beginn einer Karriere kann es sinnvoll sein, der beruflichen Entwicklung mehr Zeit und Energie zu widmen als dem Privaten – ohne dabei persönliche Beziehungen zu vernachlässigen.
Wie wichtig ist dabei auch eine akademische Ausbildung?
Akademiker erreichen im Durchschnitt ein höheres Einkommensniveau und haben ein geringeres Arbeitslosigkeitsrisiko. Ein Studium lohnt sich also – schon rein materiell. Darüber hinaus eröffnet es die Möglichkeit, vertieft zu lernen, die richtigen Fragen zu stellen und Probleme systematisch zu lösen. Universitäten vermitteln diese Fähigkeiten in besonderem Maße. Zudem begegnet man dort herausragenden Persönlichkeiten – unter Professoren wie unter Kommilitonen –, was das eigene Denken und das soziale Umfeld nachhaltig bereichert.
Ein Studium lohnt sich also – schon rein materiell. Darüber hinaus eröffnet es die Möglichkeit, vertieft zu lernen, die richtigen Fragen zu stellen und Probleme systematisch zu lösen.Roland Berger
Wenn Sie auf Ihr Lebenswerk blicken: Was soll bleiben, und hatten Sie ein persönliches Motto, das Sie durch Ihr ganzes Leben getragen hat?
Wenn ich auf mein Lebenswerk blicke, wünsche ich mir, dass vor allem das von mir gegründete Beratungsunternehmen, die Roland Berger Stiftung mit ihrem Deutschen Schülerstipendium sowie meiner Frau und meine Kunstsammlung Bestand haben.
In Erinnerung bleiben möchte ich als ein Mensch, der sich stets bemüht hat, auch für seine Mitmenschen da zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
Als Leitlinie meiner Arbeit galt immer: „Das Detail beherrschen und das große Ganze stets im Blick behalten.“
Auf meinem Grabstein könnte ich mir das Wort von Georg Wilhelm Friedrich Hegel vorstellen: „Das wahre Sein des Menschen liegt in seinen Taten.“
Und ganz persönlich hat mich eine Aussage von Theodor Heuss durch mein Leben begleitet: „Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist.“